"An Sonntagen gab es ein Stück Fleisch, für den Rest der Woche haben wir Kartoffeln gegessen" - Diese Worte sagte noch meine Oma zu mir. Ihr kennt sie vermutlich alle: Geschichten über eine Welt, die so ganz anders war, als wir sie heute erleben. Leider tendieren wir Menschen dazu, negative Informationen mehr zu gewichten als positive. Außerdem priorisiert das Gehirn eine Erfahrung anhand der Intensität, nicht der Dauer (nachzulesen in schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahnemann). Schlechte Ausgangsvoraussetzungen für uns, die Welt wahrzunehmen, wie sie ist - nämlich in einer stetigen Aufwärtsspirale.
Die Illusion der Knappheit
Im Marketing wird Knappheit genutzt, um uns einen Kaufgrund aufzuzwingen, auch wenn ich dieser Strategie selten erliege, kenne ich das Gefühl der Knappheit aus meinem eigenen Leben. Ob Kraft, ein bestimmtes Lebensmittel, Erlebnishunger, Arbeit, Liebe oder Zuneigung. So oder anders, jetzt oder später, intensiv oder oberflächlich - in irgendeiner Form ist es immer vorhanden. Ich nehme an, es ist menschlich, allgegenwärtig und zeitlos, sich unvollkommen zu fühlen. Unvollkommenheit ist ein anhaltender Zustand auf dem Weg zur Erleuchtung. Ob diese wirklich nur mit dem Lebensende eintritt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls scheint es mir so. Absolute Knappheit für lebensnotwendige Angelegenheiten habe ich jedenfalls nicht. Es muss also eine Illusion sein, ob materiell oder immateriell. Das heißt natürlich nicht, dass es sie nicht gibt und deshalb möchte ich sie wahrhaftig ernst nehmen.
Universelle Bedürfnisse
Ich habe es nicht überprüft, aber der Gedanke begleitet mich schon mein halbes Leben: Wir haben alle dieselben Bedürfnisse. Schlummernd unter dem Deckmantel der Kulturen, mag es so aussehen, als wären wir Menschen grundverschieden. Doch im Kern sind wir gleich. Gerade in der digitalen Welt wird unser Denken durch sich rasant verbreitende Trends beeinflusst. Heute ist es selten eine Ressourcenknappheit wie bei meiner Oma, aber die Knappheit, die man gelegentlich verspürt, wenn man sich mit anderen vergleicht, spüren viele Menschen da draußen. Status, Rolle, Erfahrungen und der gegenwärtige Moment prägen meine Empfindungen wie so viele andere. Das beruhigt meinen Geist. Ich bin nicht allein.
Die Welt sehen, wie sie heute ist
Anlass zu diesem Artikel gab mir ein Freund durch das Hörbuch 'Factfulness' von Hans Rosling. Unser Bild der Welt, wie sie zu sein scheint, ist meistens verzerrt. Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, Eindrücke eher in 1 oder 0 einzuteilen, damit fallen uns Urteile leichter. Weshalb wir mit unserer Einschätzung der Welt oftmals falschliegen. Sei es in Bezug auf Einkommen, Sicherheit, medizinischer & technologischer Fortschritt, gesellschaftliche Ordnung oder sonstigen Bedürfnissen und Nöten, von denen jede:r einzelne gerade angetrieben ist. Doch das Wissen darum, faktisch falsch zu liegen, erleichtert eine reelle Sicht auf die Welt. Was ich damit sagen will? Fühle in dich hinein, egal von welcher Knappheit dein Geist gerade belastet ist, ist es doch gut zu wissen, dass andere gerade in einer ähnlichen Lage sind wie du und die Welt heute tendenziell besser ist als je zuvor. Ich hoffe, das hilft dir bei der Bewältigung deines eigenen Knappheitsgefühls.
Die Welt von morgen gestalten
Das passiert ständig und stetig. Nur eben langsam und kaum wahrnehmbar, wenn wir nicht bewusst daran denken. Wir können mit stoischer Gewissheit davon ausgehen, dass es sich zum Besseren ändern wird. Ob wir damit die Probleme der Gegenwart in ausreichendem Maß lösen können? Wir werden sehen. Persönlich sind wir jedenfalls Beobachter und Gestalter zugleich. Die wirkliche Veränderung, so fand ich mit meinem besten Freund heraus, können wir nur in unseren Kindern anstoßen. Sie werden leben, wovon wir träumen. Diese Endlosschleife über die Generationen von Menschen hinweg ist die Kraft der Veränderung in uns und nach außen.

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Stefan (Montag, 19 April 2021 03:01)
Sehr schön :)