Als ich das letzte Mal mein Gedankenkarussel gefahren bin, habe ich bemerkt, wie naiv ich doch manchmal bin. Mit meinem Verständnis dieses Wortes glaubte ich das jedenfalls. Wenn ich diesen Gedanken so an meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, kommen mir Assoziationen mit 'Blauäugigkeit', 'Ahnungslosigkeit' und 'Leichtsinnigkeit' - doch warum mache ich aus einer so schillernden Wortbedeutung, eine so geschmacklose Suppe? Ich begebe mich auf eine kleine Abenteuerreise in die Linguistik und versuche diesem Adjektiv zu neuer Blüte und Glanz zu verhelfen. Komm mit!
Etymologie der Naivität
"naiv Adj. ‘natürlich, kindlich, unbefangen, arglos, treuherzig’, auch tadelnd ‘einfältig’, Entlehnung (17. Jh.) von gleichbed. frz. naïf (daher zunächst in der Schreibung naif), afrz. naif, mfrz. naïf ‘gebürtig, ursprünglich, natürlich, echt’, das auf lat. nātīvus ‘durch Geburt entstanden, angeboren, natürlich’ beruht, einer Ableitung von nātus ‘geboren, beschaffen, geeignet’, dem Part.adj. von lat. nāscī ‘geboren werden, entstehen’. In der Literaturkritik der 2. Hälfte des 18. Jhs. ist naiv besonders im Sinne von ‘natürlich, ursprünglich, ungezwungen, ungekünstelt’ gebräuchlich (bei Schiller im Gegensatz zu sentimentalisch ‘bewußt, reflektierend’, s. ↗sentimental). Naivität f. (18. Jh., daneben anfangs die dt. Abstraktbildung Naivheit), frz. naïveté."
Das Kompliment: Sei doch bitte mal naiv
Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, dich naiv zu verhalten oder eine naive Bemerkung zu machen...
... halte den Moment fest und freue dich darüber, ungefiltert von all unseren gesellschaftlichen Konventionen und Regeln einfach mal du selbst gewesen zu sein. "Ich dachte, ich kann an den Anfang des Regenbogens laufen?" Klar! Geh doch einfach und nimm mir auch eine Kiste voll Gold mit. Du musst dich nicht dafür schämen naive Gedanken zu haben, denn das ist alles, was du in diesem Moment sein willst. Wir zwängen uns schon von ganz alleine wieder in ein enges Korsett aus Pflichten und Regeln, wenn du dich davon einen Moment lösen kannst, dann tue das! Ein Satz von Schiller der mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben ist: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" - und das tun wir alle, doch meistens spielen wir uns was vor. Die Urform des Spiels, ist aber der Spaß an der Sache und die Hoheit über das eigene Glück. Schillers Stil in seinem Buch "über naive und sentimentalische Dichtung" ist durchweg von Naivität geprägt, in der vollsten Pracht, die wir diesem Wort nur zukommen lassen können. Wenn ich mich innig damit auseinandersetze, verspüre ich diese plötzliche Leichtigkeit und bin stolz auf diese kleine bedeutungslose Hommage an meine eigene Naivität.

Kommentar schreiben