Internal Reset

Viel ist passiert, viel wird passieren. Was wir dieses Jahr erleben mussten, stellte hohe Anforderungen an unseren Verstand. Ganz im Verständnis des Philosophen Immanuel Kant, meine ich in diesem Fall allerdings die Vernunft. Ich möchte mit diesen Zeilen keine weiteren Gewürze zu der brodelnden Suppe aktueller gesellschaftlicher Diskussionen geben, allerdings komme ich um einen kleinen wohlwollenden Appell nicht herum. Schlicht genommen haben wir doch alle ähnliche Bedürfnisse?

Meinung haben alle - Ahnung nur wenige


Die Bekämpfung der echten Krisen auf der einen Seite und die schleichende Verbreitung von Misstrauen in der Bevölkerung auf der anderen Seite. Das ist traurig und problematisch zugleich. Einer der Hauptgründe ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der unterschiedliche Informationsgehalt, durch die Vielfalt an Medien und Meinungsmachern heutzutage. Ich erinnere mich gerne an Spielfilme der 80er Jahre zurück, in denen von einem Fahrradkurier 'die Zeitung' bündelweise ausgeworfen wurde, die das Weltgeschehen abgedruckt hatte. Durch diese zwar massenhafte, aber einseitige Kommunikation blieb der Raum für eigene Interpretationen kleiner. Heute lebt fast jeder von uns in seiner eigenen Blase, aus zugeschnittenen Inhalten. Algorithmen analysieren dabei unser Nutzerverhalten, berechnen unsere Interessen und antworten uns darauf. Dadurch erschließt sich unser komplett eigenes Bild der Wirklichkeit, was uns leicht vorgaukelt, besser informiert zu sein als die anderen. Dadurch entsteht Reibung, die nicht gerade hilfreich ist, um friedvoll miteinander zu leben.

Verständigungsprobleme vorprogrammiert


Jeder von uns hat seine eigene Realität und handelt nach bestem Wissen und Gewissen. Doch hier liegt oft der Knackpunkt für unsere alltäglichen Beziehungen. Ob wir es durch die gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Brille betrachten: Meinungen sind in der aktuellen Lage, alles andere als einvernehmlich. Negative Schwingungen durch die Einschränkungen der Pandemie werden dadurch nur größer. Diese hitzige Stimmung, die allgemein zu vernehmen ist, macht es schwierig sachlich zu bleiben und zielorientiert miteinander zu reden. Durch die Omnipräsenz der Dauerthemen Syrienkrieg, Klimakrise und Corona-Pandemie verhärten sich die Meinungen umso mehr. Was bleibt? Die Abspaltung von einem beträchtlichen Teil der Menschen, in bunte kleine Lager mit eigenen Gesetzen & Interessen. Natürlich kommt auch der 'Mainstream' dabei in die Kritik und das Wort indiziert: "Ihr seid die blinden Schafe, die gehörlos auf den Abgrund zulaufen". Deshalb bleibt das ganze Geschehen bis auf Weiteres ein Drahtseilakt für Entscheidungen und erfordert viel Gespür für kommunikative Handlung.

Kommunikationspraxis verbessern


Zusammengefasst können wir es mit nur einem Wort beschreiben, was da zu sehen ist: Emotionen! Und in den meisten Fällen eher negative. Emotionen sind die Folge einer kognitiven Bewertung und physiologischer Erregung (Gerrig 2015, S.502). Wir bewerten kontinuierlich und daran ist auch nichts falsch, denn so funktioniert unser Gehirn. In dieser schwierigen Zeit macht es sich jedoch bemerkbar, dass zuvor konstruktive Diskurse abdriften in emotionsgeladene Belehrungen und Manipulationen. Darüber sind wir uns oft auch überhaupt nicht bewusst. Jeder von uns hat eine Position, die er für sich auch nicht ohne Grund einnimmt. Wir erklären uns die Realität anhand vorhandener Informationen und da hat nun mal jeder seinen eigenen Datensatz. Viele kommunizieren, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen wollen. Sich dem bewusst zu werden, was einem überhaupt wichtig ist mitzuteilen, könnte der Schlüssel zum störungsfreien Zusammenleben sein. Dadurch sind unsere Probleme zwar nicht vom Tisch, aber wir erzeugen zumindest keine neuen!

 

Hierzu gibt es ein Modell, dass ich nur jedem ans Herz legen kann, dem es wichtig ist gesunde Beziehungen zu pflegen und zumindest situationsgerecht besser entscheiden zu können. Gewaltfreie Kommunikation hat eigentlich nur vier Pfeiler, an die ihr euch erinnern müsst, wenn eine Situation es erfordert. Wenn jeder Mensch das Wissen darüber hätte, wie er sich dem anderen auf diese Weise annähert, würden wir alle friedvoller miteinander umgehen und uns auch verstehen lernen. Die Gewaltfreie Kommunikation baut auf folgenden Grundannahmen auf:

 

  • Menschen sind von Natur aus einfühlsam (Rosenberg 2016, S. 22)
  • Menschen bereichern das Leben eines anderen gerne, solange sie es freiwillig tun können (Rosenberg 2016, S. 21)
  • Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse (Rosenberg 2013a, S. 8)
  • Gefühle entstehen durch kognitive Bewertungen von Situationen (Rosenberg 2013b, S. 11)

Wichtig ist es den anderen mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen wahrzunehmen, aber eben auch selbst aktiv seine eigenen Bedürfnisse klar zu formulieren. Das setzt die Fähigkeit der Perspektivübernahme voraus, also eben zu verstehen, was der andere mir zu sagen versucht. Sprache verläuft nicht immer ausdrücklich, oftmals sind Nachrichten implizit und müssen erst richtig interpretiert werden. Die Kunst dabei besteht darin, sich selbst besser kennenzulernen und den anderen ebenfalls verstehen zu lernen. Mit diesen vier Schritten fällt es euch leichter dies anzuwenden:

  1. Situation: urteilsfreie Beobachtung und Beschreibung der Situation
  2. Gefühl: Benennen meiner Gefühle während der Beobachtung
  3. Bedürfnis: Benennen meiner Bedürfnisse (Gefühle dienen als Indikator)
  4. Bitte/Wunsch: Konkrete erfüllbare Bitte im Hier und Jetzt

 

Mein ganz persönlicher Anwendungsfall zu gewaltfreier Kommunikation: Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit viele Menschen Unglaube darüber gehegt haben, was das Weltgeschehen momentan dominiert. Das Gefühl, dass ich dabei empfunden habe, ist Furcht vor Zersplitterung und irrationalen Ängsten. Mein Bedürfnis für die darauf resultieren Auseinandersetzung ist es sich gegenseitig verstehen zu lernen. Ich persönlich glaube an die Kompetenz von Institutionen und einzelnen Menschen. Deshalb stelle ich mich (auch wenn mit ständig neu angepassten Blickwinkel auf Einzelsituationen) auf die Seite der Gesellschaft, die den Glauben an das System nicht verliert. Deshalb bitte ich die Menschen darum, sich einzulesen und zu hinterfragen wie sie zu dieser Einsicht gekommen sind.

 

Hilfreich sind dafür folgende Artikel:

https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-du-ueber-verschwoerungstheorien-wissen-solltest/

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/mythen-und-falschmeldungen/umgang-verschwoerungstheorien-1790886

 

Jedenfalls ist Kooperation im Gegensatz zu Aggression in der Psychologie die einzige Möglichkeit, einen Ausweg aus spaltenden Umständen zu erwirken. Dabei ist es wichtig zu lernen, die Perspektive des anderen zu übernehmen und kooperativ zu handeln. Menschen können Vorurteile, Aggression und Konflikt vorbeugen, indem sie sich in Kontakt, Kommunikation, Zusammenarbeit und Versöhnung üben (vgl. Gerrig 2015, S. 675ff.).

Die Moral: Optimismus statt Pessimismus


Wie ich mich der Sache auch nähere: Am Ende braucht man sich nur umzudrehen und steht wieder am Anfang. Aus diesem Grund sehe ich keinen Sinn darin, ungute Spannungszustände in mein Leben zu lassen. Gegenseitiges Verständnis wiegt mehr, als gegenseitige Einflussnahme. Dadurch erreichen wir auch eher, was wir wollen. Auch wenn buddhistische, oder generell fernöstliche Weisheiten bei Weitem nicht die Lösung für alles sind, geben sie einem die Möglichkeit an die Hand sich auf das zu besinnen, was ist:

 

"Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus." (zitiert nach Siddhartha Gautama 563 v. Chr. - 483 v. Chr.)

 

https://www.passionpursuit.online/2020/12/24/internal-